Drahtamseln (Gedichte)

Neue Zürcher Zeitung (2. Juni 2007):

"Da zeigt einer seine Vorliebe für jene, die in den hinteren Reihen des Lebens stehen – für die Lückenbüsser, den Bahnwärter, die Angsthasen oder die Verkäuferin in der Parfumabteilung. Zudem wendet sich Matthias Kehle einer ausgestorbenen Spezies zu, die in keinem ornithologischen Fachwerk mehr verzeichnet ist: den «Drahtamseln», nämlich den Telefonistinnen, die einst die technischen Verbindungen per Hand hergestellt haben. Der in Karlsruhe lebende Autor und Kritiker amüsiert nicht selten mit seinem Sinn für Komik und Wortwitz. Ein falscher Hase hoppelt bei ihm durchs Kauderwelsch, Enten melden sich mit Konsonantengestöber. In reizvollen Zeilenbrüchen, welche die Bedeutungen sacht verschieben, arrangiert Kehle seine kurzen Gedichte und siedelt sie manchmal an jener Grenzlinie an, wo das Unspektakuläre auf das Besondere treffen kann. Doch zumeist wirft er ruhige Blicke auf ebenso ruhige Vorkommnisse. Er zeichnet Szenen eines ländlichen Lebens im Abseits, beschwört etwa die Einsamkeit des Hochschwarzwalds oder einen Rastplatz Anfang März. Aber auch Momente der städtischen Topografie mit Kaufhaus, Haltestelle, Stadtgarten und Fussgängerzone greift er auf. Lapidare Notizen entstehen bei dieser lyrischen Inventarisierung, verhalten im Ton und fern jeder Üppigkeit. Bisweilen richten sich die Gedichtzeilen an ein Du, das aber im Zustand des Schwebens zugleich als Ich begriffen werden kann. Genau hinhören, aufmerksam hinblicken und dabei auch die «Lesarten des Rückwegs» bedenken – das führen Matthias Kehles Gedichte unaufdringlich vor."

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In welchem Stockwerk wohnten wir
wuchsen Kinder schnell wie Wolken

Vor welcher Tür klopften wir die Schuhe aus
(zwischen den Zeilen lag noch Schnee)

Wer hier einzog, schrieb seinen
Namen nicht selbst aufs Schild
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Matthias Kehle: Drahtamseln, Gedichte. Rimbaud-Verlag, 10 Euro.

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